Ein, bzw. DER grosse Schritt im Rahmen einer Pilotenausbildung ist der erste Soloflug (sprich: der erste Flug ganz alleine, ohne Fluglehrer an der Seite). Üblicherweise findet der dann statt nachdem man davor bis zum Erbrechen Platzrunden geflogen hat und Starts und Landung zumindest so gut funktionieren, dass die Überlebenschance bei einem Alleinflug realistisch ist. Auch üblicherweise wird der erste Soloflug nicht angekündigt, sondern der Flugschüler spontan und unvorbereitet damit überrascht. Ob das psychologisch wertvoll oder einfach zur Unterhaltung der Fluglehrer gut ist, wenn sie in das ängstliche Gesicht des Flugschülers schauen, kann ich dabei nicht sagen.
Bei mir war das so, dass ich an diesem Tag bereits einige ganz gute Platzrunden flog. Ich hatte ja die letzten Tage auch genug Zeit zum üben. Etwas merkwürdig fand ich schon, dass auf einmal ein zweiter Fluglehrer auftauchte. Meine Fluglehrerin stieg dann nach einer Serie ganz guter Platzrunden aus und meinte, dass der andere Herr jetzt mal eine Runde mit mir drehen würde. Gesagt getan: Der etwas mürrische Herr - das merkte ich schnell - war einer Konversation nicht sonderlich aufgeschlossen und so hielt ich meine Klappe, konzentrierte mich auf Fliegen und Funken und absolvierte mit meinem schweigsamen Passagier zwei weitere Rundflüge.
Dann der Sprung ins kalte Wasser. Mit den Worten: "Was meinst?" "Aus meiner Sicht fliegt er sicher, geht von mir aus ok" stieg der grummelige Typ aus und meine Fluglehrerin meinte mit einem breiten Grinsen zu mir: "Jetzt machst du das alleine". Zum ersten Mal stieg mein Puls in orangenen Drehzahlbereich. Die gurte auf dem leeren Passagierplatz neben mir wurden verstaut, das zweite Headset ausgesteckt, die Tür geschlossen und jetzt war ich auf mich allein gestellt. Der Gedanke, bei den kommenden Flügen niemanden zur Seite zu haben, der Eingreifen kann, fall irgend etwas schief geht erschien mir nicht gerade behaglich - zum Glück wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht annähernd, was dieser Tag noch für mich bereithielt und so dachte ich mir: Augen zu und durch - irgendwann musst du eh alleine fliegen. Nur kam mir das ganze doch recht früh vor. Ich fühlte mich nicht annähernd sicher genug, wusste nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn z.B. der Motor ausgeht oder ein Defekt auftritt.
Es hift nichts. Etwas beruhigen, tief durchatmen, Motor ein, Headset auf und wie gelernt melden: "Nabern Info - Delta Mike Echo Charlie Sierra, rolle zum Rollhalt Piste drei zwo". Am Rollhalt die üblichen Magnetchecks, Trimmung ins Startstellung, Klappen auf Stufe 1, nochmal alle Instrumente und Einstellungen geprüft, nochmal sehr tief durchgeatmet und dann per Funk: "Delta Charlie Sierra, Abflugbereit Piste Drei Zwo". Die Bestätigung "Piste Frei, Wind auf der Bahn mit 2 Knoten, Start nach eigenem Ermessen" kam leider schneller als erhofft und so blieb keine Zeit für weitere Beruhigungsmassnahmen. Mit einem Puls bis zum Hals Parkbremse lösen, ein letzter Check dass kein anderes Flugzeug im Endanflug ist, dann Seitenruder rechts, etwas gas und auf die Bahn. Ein letztes Mal hoffen dass alles gut geht und dann gibts kein zurück: Vollgas rein, Bremse los, bis zur Abhebegeschwindigkeit beschleunigen und zum ersten Mal ganz alleine in die Luft....
Nach dem kurzen Steigflug auf 200 Fuss (Platzrundenhöhe) eindrehen in den Querabflug, keinen Blick für die Natur und die kleine Landschaft unter einem, Klappen rein, Gas etwas reduzieren, der Motor wird leiser und es ist ungewohnt ruhig. Kein Fluglehrer der Tipps gibt wie "Schau auf deine Höhe", "Was macht Deine Geschwindigkeit?" oder "Achte auf Deine Drehzahl" - stattdessen nur ein regelmässiges, leises Knacken im Kopfhörer, das Geräusch des Propellers der uns durch die Luft zieht und ein paar Windgeräusche. Es ist eigenartig zu wissen dass jetzt keiner Helfen könnte, sollte irgend etwas schief gehen, ich etwas vergessen oder etwas ausfallen.
Dann eindrehen in den Gegenanflug mit den Worten über Funk "Delta Charlie Sierra, Rechter Gegenanflug Piste 32" - Die Bestätigung von meiner Fluglehrerin am Boden kommt prompt: "Charlie Sierra, Piste Frei, Wind auf der Bahn". Jetzt kommt der knifflige Teil: Geschwindigkeit reduzieren, dabei Höhe langsam abbauen, Klappen bei entsprechender Speed setzen, dabei immer die Piste im Blick behalten, auf Höhe und Geschwindigkeit achten, Landeanflug richtig einteilen und vor allem: Keinen Fehler machen. Einflug in den Queranflug mit Funkspruch, dann noch etwas Korrigieren und eindrehen ins Endteil. Jetzt darf nichts schief gehen: Etwas mit dem Gas spielen um den optimalen Anflugwinkel zu halten, Geschwindigkeit genau halten (zu schnell ist schlecht, zu langsam fällt das Flugzeug einfach vom Himmel), mittig zur Bahn ausrichten, mit dem Seitenruder korrigieren und cool bleiben. Leichter gesagt als getan! Die Bahn kommt schnell näher, Höhe und Ausrichtung passen, also kein Durchstartemanöver. Nerven bewahren, Gas kurz vor der Bahn ganz raus, kurz über dem Boden durch ziehen des Höhenruders abfangen und ziehen, ziehen, ziehen um eine Landung auf dem Bugrad, das abbrechen kann, auf jeden Fall zu verhindern.
Eine saubere Landung und sofort kommt über den Funk: "Sehr schön, durchstarten". Mein Zeichen wieder Vollgas zu geben, die Klappen auf Stufe 1 zurück zu fahren, Geschwindigkeit aufzunehmen und wieder abzuheben. Nach dem Steigflug stellt sich sowas wie erste Erleichterung ein: Die erste Landung ganz alleine. Und sie war gut. Ich nehme die Lanschaft unter mir wieder wahr und auch die dunklen Wolken am Horizont, die mir bisher nicht aufgefallen sind. Es war ein warmer Tag und es ist Spätnachmittag. Der Wetterdienst hat vor evtl. Gewitter gewarnt - und die Wolken die ich da von Westen her aufziehend sehe verheissen nichts gutes!
Bereits im Gegenanflug bekomme ich die ersten harten Böen ab und meine Beruhigung ist schlagartig wieder vorbei. Bisher bin ich nur bei schönstem Wetter und beinahe Windstille geflogen. Diese Böen auszugleichen ist eine völlig neue Erfahrung: Die extremen Auf- und Abbewegungen ohne dass ich was am Steuer mache auch. Ich will nur noch schnell landen - doch daraus wird erst mal nichts.
Die Gewitterwalze schiebt Warme Luftmassen vor sich her und ich kann die Höhe nicht wie gewohnt schnell genug abbauen, obwohl ich im Leerlauf anfliege. Immer wieder schüttelt es mich kräftig durch und im Endteil bin ich so hoch, dass eine Landung unmöglich ist. Ich melde über Funk, dass ich viel zu hoch bin und durchstarten werde. An der Stimme am anderen Ende merke ich, dass das nicht das war, was man gern gehört hat, aber es bleibt ja nichts anderes übrig. Also über der Bahn Vollgas, Geschwindigkeit aufnehmen, Klappe rein, so schnell wie möglich steigen um so schnell wie möglich wieder landen zu können. Im Gegenanflug sehe ich dass die Gewitterwolken rasend schnell näher gekommen sind und kann ganz deutlich Blitze und den bedrohlich schwarzen Himmel sehen. Es macht sich ein erster Anflug leichter Panik breit - obwohl ich weiss, dass das nichts bringt, da mir da oben eh keiner helfen kann. Dennoch ist der Gedanke mit dem Flugzeug bei der ersten Alleinflugerfahrung in ein Gewitter zu geraten absolut nicht beruhigend.
Ich versuche so schnell und so niedrig wie nur möglich in den Landeanflug überzugehen um auf jeden Fall zu verhindern, dass ich noch einmal zu hoch komme und durchstarten muss. Bereits im Queranflug werde ich von heftigen Auf- und Abwinden im Wechsel erfasst, gleichzeitig verdunkelt sich der Himmel schlagartig. Eindrehen ins Endteil, während die ersten Regentropfen auf die Scheibe prasseln. Gas voll raus und nur noch ein Ziel im Kopf: Runterkommen - egal wie! Die Landung klappt mit wehementen Korrekturen zum Glück.
Ich rolle direkt vor den Hangar, schalte den Motor aus, steige aus und wir ziehen die Maschine zu dritt so schnell wie möglich in den Hangar. Keine 30 Sekunden später wandelt sich der mitlerweile heftige Platzregel in einen Hagelschauer und der Himmel sieht nach Weltuntergang aus.
Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der zweite Landeversuch nicht geklappt hätte und ich erneut hätte durchstarten müssen. Die beiden Fluglehrer gratulieren mir zum Alleinflug und ich kann mich nicht richtig freuen. Auf dem Weg nach Hause im heftigen Unwetter und mit fast null Sicht auf der Autobahn wird mir bewusst, wie schnell das Fliegen lebensgefährlich werden kann und was die Folgen daraus sein können. Ich bin mir in diesem Moment nicht sicher, ob ich die Ausbildung weitermachen soll... Die Flugstunde am nächsten Tag sage ich erst mal ab.
Freitag, 30. Oktober 2009
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